Muftijevo pismo dunajskemu nadškofu

Ob tragičnih dogodkih, ki so se zgodili na Dunaju, 2. novembra 2020 je mufti dr. Nedžad Grabus naslovil pismo Dialog med muslimani in kristjani. V nadaljevanju objavljamo celotno pismo v nemškem jeziku.

Originalno pismo si lahko pogledate tukaj: Letter_to_HH_Cardinal_Christoph_Schonborn

Ljubljana, 20. November 2020

An den H.H. Erzbischof von Wien,

Erzbischof Christoph Kardinal Schönborn

Wollzeile 2

1010 Wien

Via E-Mail: ebs@edw.or.at

 

Dialog zwischen Muslimen und Christen

 

Eure Eminenz,

sehr geehrter Herr Kardinal,

in diesen Tagen bin ich in meinen Gebeten und meinen Gedanken sehr eng mit dem österreichischen Volk verbunden. Unsere Gebete und Gedanken sind bei den unschuldigen Opfern des Terroranschlags in Wien vom 2. November 2020 – bei den Toten und ihren Hinterbliebenen, den Verwundeten, Verängstigten und Trauernden. Das Übel des Terrorismus zerstört die zwischenmenschlichen Beziehungen und schafft Misstrauen unter den Menschen. Es vernichtet das Wesen des Glaubens. Jede Gewalt, von der behauptet wird, sie sei im Namen des Glaubens, ist Gewalt gegen den Glauben selbst. Ihre würdevolle Haltung und Ihr gemeinsames Gebet mit Juden und Muslimen geben uns die Kraft, weiter gegen den Terrorismus und gegen extremistische Ansichten, Ideologien und Praktiken von radikalisierten Einzelpersonen und Gruppen zu kämpfen, die das Vertrauen zwischen Christen und Muslimen in Europa und der Welt missbrauchen.

Das Oberhaupt unserer Islamischen Gemeinschaft in Bosnien und Herzegowina, Reisul-ulema Dr. Husein Kavazović, hat den Terroranschlag von Wien und die Finsternis des Terrors nachdrücklich verurteilt und betont, dass Wien unser gemeinsames Haus ist, das wir entschlossen und ohne Angst verteidigen müssen. Wir dürfen es nämlich den dunklen Kräften nicht erlauben, dass sie unseren Verstand unter ihre Kontrolle bekommen und unsere Gefühle verfinstern. Er hat auch klar gemacht, dass wir zu jedem Opfer im Kampf gegen den Terrorismus und das Böse, das die Terroristen verbreiten, bereit sind.

 

 

Eminenz,

ich verfolge Ihre Auftritte und Reden mit großer Aufmerksamkeit und tiefem Respekt. Ich erinnere mich oft an unser ausführliches Gespräch am 9. Oktober 2009, das vom ehemaligen Präsidenten der Republik Österreich Dr. Heinz Fischer veranlasst wurde. Ich schreibe Ihnen diesen Brief als Diener Gottes, aber auch als Vertreter der Islamischen Gemeinschaft in Slowenien. Die institutionalisierte Organisation und Struktur der Islamischen Gemeinschaft hat sich im westeuropäischen gesellschaftlichen und politischen Rahmen seit der Zeit Österreich-Ungarns entwickelt. 1882 wurde in Sarajevo, in Bosnien und Herzegowina, die Verwaltung der Islamischen Gemeinschaft gegründet. Es war die erste institutionell organisierte islamische Gemeinschaft in einem Staat, der von römisch-katholischer religiöser und kultureller Identität geprägt war. Diese Erfahrung beeinflusste maßgeblich die rechtliche Regulierung der Lage der muslimischen Gemeinschaft in der Republik Österreich, aber auch das muslimische Verständnis von Europa und die Schaffung harmonischer gesellschaftlicher Beziehungen.

Ich habe Ihr Interview, das Sie der katholischen Zeitschrift „Famiglia Cristiana“ gegeben haben, mit großer Sorgfalt und Freude gelesen. Darin haben Sie deutlich betont, wie wichtig es ist, den Dialog mit den Muslimen zu pflegen, und haben dabei auf die Enzyklika „Wir sind alle Brüder“ von Papst Franziskus verwiesen. Papst Franziskus ist ein Friedensstifter, der den Samen des Guten sät, und wir alle hoffen, dass er auf der ganzen Welt Früchte tragen wird.  Ich möchte Ihnen für Ihre beharrliche Unterstützung bei der Entwicklung des Dialogs zwischen Muslimen und Katholiken danken. Unsere europäische Erfahrung des Islams und der fruchtbare und effektive Dialog mit der katholischen Kirche sind eine wichtige Grundlage für die Stabilität der gesellschaftlichen Beziehungen in den europäischen Ländern. Wir, die europäischen Musliminnen und Muslime, haben die Werte, auf denen eine freie Gesellschaft beruht, übernommen und die Bedeutung der demokratischen Werte, der individuellen Freiheit und des Kampfes gegen Gewalt als wichtige Errungenschaften moderner Gesellschaften verstanden. Die Gräber unserer Vorfahren aus dem Ersten Weltkrieg in Österreich und Slowenien sind uns Verpflichtung, unsere europäische und muslimische Identität auf der Grundlage der Werte einer freien und pluralistischen Gesellschaft weiterzuentwickeln. Wir sind uns dessen bewusst, dass die Gruppen nationalistischer Befürworter „reiner“ Gesellschaften in Europa und insbesondere die Gruppen, die beweisen wollen, dass Gewalt dem Islam inhärent ist, gegen den Dialog sind. Das ist der Grund, warum das Thema Islam und Muslime in öffentlichen und politischen Debatten leider häufig verallgemeinert und alle Muslime verurteilt werden.

Sie sind eine Persönlichkeit, die mit ihrer Weisheit und ihrem tiefen Glauben an Gott auch uns die Hoffnung gibt, dass der Dialog der einzige Weg ist, auf dem wir unsere gegenseitigen Beziehungen weiterentwickeln müssen. Wir sind zutiefst besorgt über die Entstehung extremer und radikalisierter Gruppen unter Muslimen in Europa. Wir sind entschlossen, den Wert der Achtung der Menschenwürde und der Stärkung unserer Liebe zu Gott und zu unserem Nächsten fortzuentwickeln. Wir bringen unsere Entschiedenheit und unser volles Engagement für die Förderung des gegenseitigen Vertrauens und der Achtung der Menschenwürde zum Ausdruck. Wir sind entschlossen, uns zum Kampf gegen gewalttätige, extreme, radikale und terroristische Bedrohungen durch Einzelpersonen und Gruppen, die den Islam für ihre eigenen Zwecke missbrauchen, auf Dauer zu verpflichten. Solche Einzelpersonen und Gruppen fügen allen in Europa und der Welt, einschließlich den Musliminnen und Muslimen, unübersehbaren Schaden zu. Wir unterstützen Ihr Engagement zur Stärkung des Dialogs zwischen Christen und Muslimen und bleiben Ihre treuen Helfer, Freunde und Bewunderer.

Ich wünsche Ihnen viel Gesundheit und Gottes Segen für Ihre ehrenvolle Mission!

 

Nedžad Grabus, Mufti von Ljubljana

Präsident des Meschihat der Islamischen Gemeinschaft in Slowenien